Lexikon – Toxische Weiblichkeit
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Toxische Weiblichkeit / toxic femininity
„Toxische Weiblichkeit“ beschreibt selbst- und fremdschädigendes Verhalten von Frauen*, das aus dem Bemühen entsteht, männliche bzw. patriarchale Erwartungen zu erfüllen. Der Begriff ist relativ neu und umstritten – und er meint ausdrücklich keine Eigenschaft von Frauen* an sich, sondern eine Reaktion auf patriarchalen Druck.
Der Psychologe Ritch Savin-Williams beschreibt damit, dass stereotyp „weiblich“ besetzte Eigenschaften wie Passivität, Zurückhaltung, Fürsorglichkeit oder Gefälligkeit so weit getrieben werden können, dass Menschen die eigenen seelischen oder körperlichen Bedürfnisse übergehen, um ihrem Umfeld nicht zu missfallen (Psychology Today, 2019).
Die selbstschädigende Seite
Frauen* stellen dabei ihre eigenen Bedürfnisse hinter die Erfüllung männlicher Erwartungen bzw. den „Nutzen anderer“ – und verfestigen so patriarchale Machtstrukturen, statt sie nur hinzunehmen. Die Erwartungen betreffen das Verhalten (passiv, dienend, fürsorglich) ebenso wie den Versuch, unrealistische Schönheitsideale zu erfüllen.
Dieser Druck kann ernste Folgen für die Gesundheit haben – etwa Erschöpfung und depressive Beschwerden, in manchen Fällen auch Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten. Wichtig ist: Ursache ist der gesellschaftliche Druck, nicht ein „Fehler“ der betroffenen Person.
Die fremdschädigende Seite
Toxische Weiblichkeit richtet sich auch gegen andere Frauen*: Sie werden abgewertet, wenn sie die männlichen Erwartungen nicht ebenfalls zu erfüllen versuchen. Typische Beispiele sind Sätze wie „Wenn du dich mal schminken würdest, würde es auch mit den Männern klappen“, „Wie, du willst keine Kinder?“ oder „Stell dich nicht so an mit deiner Periode“. Auch Neid und Missgunst gegenüber Frauen*, denen die Erfüllung dieser Erwartungen vermeintlich besser gelingt, können Ausdruck davon sein.
Zwei Seiten einer Medaille
Toxische Weiblichkeit und toxische Männlichkeit entstammen demselben System: starren, patriarchalen Geschlechterrollen. Beide schreiben Menschen vor, wie sie ihr Geschlecht „auszuleben“ haben – und schaden dabei allen. Sie sind also weniger Gegensätze als zwei Ausprägungen desselben Problems.
Ein umstrittener Begriff
Der Begriff ist aus gutem Grund umstritten: Da das Phänomen vollständig auf patriarchalen, also von Männern geprägten Erwartungen fußt, lässt es sich auch als Ausdruck internalisierter Misogynie verstehen (siehe Internalisierung). „Weiblichkeit“ wurde gesellschaftlich lange von Männern definiert – aus dieser Sicht wäre das Problem nicht „die Weiblichkeit“, sondern ihre patriarchale Prägung. Gleichzeitig ist der Begriff nützlich, um selbst- und fremdschädigendes Verhalten überhaupt benennen und sichtbar machen zu können.
Queer-Bezug und ein anderer Weg
Der Druck, Weiblichkeit „richtig“ zu performen, trifft nicht nur cis Frauen, sondern auch trans Frauen, nicht-binäre und queere Menschen – und ist eng mit Queerfeindlichkeit verwoben (etwa, wenn Weiblichkeit abgewertet oder bestimmten Personen abgesprochen wird).
Der konstruktive Gegenpol ist eine selbstbestimmte Weiblichkeit: eine, die man für sich selbst lebt, statt sie zur Erfüllung fremder (männlicher) Erwartungen zu leisten. Weiblichkeit ist also nicht das Problem – schädlich ist der Zwang, sich selbst für sie aufzugeben (siehe auch Femme).

