Lexikon – Binäre Geschlechter
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Binäre Geschlechter
Unsere westliche Gesellschaft geht überwiegend davon aus, dass Geschlecht ein binäres System ist. Binär steht für „zweiteilig“ und reduziert auf nur zwei Geschlechter: männlich und weiblich. Sämtliche anderen Geschlechter werden als Abweichung von der (binären) Norm betrachtet und abgewertet. Dieses Denken wird auch Zweigeschlechtlichkeit oder Genderbinarität genannt.
Dieses strikt zweigeteilte System ist ein religiös und kulturell geprägtes Konstrukt, das gesellschaftliche Erwartungen an „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ aufbaut. Aus diesen Erwartungen entstehen klare Geschlechterrollen – wer diese nicht einhält, ist oft negativen Konsequenzen und Anfeindungen ausgesetzt. Eng damit verbunden ist die Cisnormativität: die Annahme, dass alle Menschen cisgeschlechtlich seien, sich also dauerhaft mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizierten.
Nicht überall – und nicht immer nur zwei
Dass die Zweiteilung ein Konstrukt ist, zeigt auch der Blick über die westliche Gegenwart hinaus. Zahlreiche Kulturen kennen oder kannten mehr als zwei Geschlechter, zum Beispiel Two-Spirit (als Überbegriff für Geschlechterrollen vieler indigener Nationen Nordamerikas), Hijra (Südasien), Fa’afafine und Fa’afatama (Samoa), Muxe (Zapotek in Mexiko) oder Bissu (Bugis in Indonesien). In mehreren Ländern sind solche Geschlechter rechtlich anerkannt – etwa Hijra in Indien seit 2014.
Die Forschung betont, dass geschlechtliche Vielfalt weder neu noch eine „westliche“ Besonderheit ist; neu ist eher die weltweite Durchsetzung des binären Modells, unter anderem im Zuge des Kolonialismus. Wichtig ist dabei: Diese Konzepte sind tief in ihren jeweiligen Kulturen verwurzelt und lassen sich nicht einfach mit dem westlichen Begriff „nicht-binär“ gleichsetzen oder von Außenstehenden übernehmen.
Hin zu einem offenen Geschlechtersystem
Langsam entwickelt sich das binäre Verständnis von Geschlecht hin zu einem offenen Geschlechtersystem. Dieses sieht Geschlecht als Spektrum mit vielen verschiedenen Geschlechtern und unzähligen Abstufungen zwischen und jenseits von „männlich“ und „weiblich“. Ein offenes System wirkt Unterdrückung und Ausgrenzung entgegen, indem es Geschlecht in seiner Vielfalt erfasst und keine Normen aufbaut. Das bedeutet nicht, dass es „Mann“ oder „Frau“ nicht mehr gäbe – es heißt nur, dass Geschlecht nicht auf diese beiden Kategorien begrenzt wird.
Auch rechtlich zeigt sich dieser Wandel in Deutschland konkret: Seit 2013 muss bei der Geburt kein Geschlecht eingetragen werden, wenn die Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig sind. Seit 2019 gibt es neben „weiblich“ und „männlich“ die Option „divers“ sowie die Möglichkeit, den Eintrag offenzulassen – insgesamt also vier Möglichkeiten. Seit dem 1. November 2024 können trans*, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen ihren Geschlechtseintrag und Vornamen zudem per Selbstauskunft beim Standesamt ändern (Selbstbestimmungsgesetz).

