Lexikon – Dragqueen und Dragking
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Drag
Drag ist eine Kunst- und Performanceform, die bewusst mit Geschlecht, Glamour und Überzeichnung spielt – meist auf einer Bühne und für ein Publikum. Charakteristisch ist die gezielte Übertreibung von Geschlechterrollen und Stereotypen. Drag ist dabei ein Handwerk und eine Rolle, keine Identität: Wer Drag macht, schlüpft in eine Kunstfigur.
Woher kommt das Wort „Drag“?
Die genaue Herkunft ist nicht abschließend geklärt, aber die anerkannteste Erklärung führt „Drag“ auf den britischen Theater-Slang des 19. Jahrhunderts zurück: Wenn männliche Darsteller Frauenrollen spielten, „schleiften“ ihre langen Röcke über den Bühnenboden (englisch to drag = ziehen, schleifen) – im Gegensatz zu enger männlicher Kleidung. Der erste schriftliche Beleg stammt um 1870, der Begriff „Drag Queen“ ist ab etwa 1941 belegt.
Eine oft gehörte Erzählung, „Drag“ sei ein Akronym aus Shakespeares Zeit für „dressed as girl“ („als Mädchen gekleidet“), ist dagegen eine Volksetymologie ohne historischen Beleg – solche nachträglich erfundenen Akronyme sind fast immer falsch.
Travestie und Drag
„Travestie“ (von französisch „travesti“ – verkleidet) ist der ältere, im deutschsprachigen Raum verbreitete Begriff für eine Bühnenkunst, in der vor allem Männer Frauen darstellten, häufig in einer Tradition von Illusion, Glamour und komödiantischer Nachahmung. „Drag“ ist der englischsprachige Begriff und wird heute meist weiter gefasst: Er spielt nicht nur mit Geschlechterklischees, sondern kann bewusst mit dem Konzept von Geschlecht an sich brechen. Die Übergänge sind fließend, und beide Begriffe werden je nach Kontext und Selbstverständnis der Künstler*innen verwendet.
Dragqueens, Dragkings – und mehr
Klassisch unterscheidet man Dragqueens, die „Weiblichkeit“ überzeichnet darstellen, und Dragkings, die „Männlichkeit“ überzeichnen. Bekannte Beispiele für Dragqueens sind unter anderem Conchita Wurst oder RuPaul, dessen Show RuPaul’s Drag Race Drag weltweit in den Mainstream getragen hat. Bekannte Dragkings sind etwa Spikey van Dykey oder Landon Cider.
Eine lange Geschichte
Menschen haben sich über Geschlechtergrenzen hinweg gekleidet, seit es Theater gibt – etwa als Frauen von Bühnen ausgeschlossen waren und Männer alle Rollen übernahmen. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg traten Soldaten in Truppenshows in Frauenkleidung auf. In den 1920er und 1930er Jahren zogen die Drag-Bälle in Harlem tausende Menschen an.
Besonders prägend ist die Ballroom-Kultur, die maßgeblich von Schwarzen und lateinamerikanischen queeren und trans Menschen geschaffen wurde: mit „Houses“ als Wahlfamilien, Wettbewerben in verschiedenen Kategorien und dem Tanzstil Voguing. Aus ihr stammen viele heute geläufige Begriffe. Dokumentiert und bekannt gemacht wurde diese Welt unter anderem durch den Film Paris Is Burning (1990) und die Serie Pose.
Drag ist nicht gleich trans
Travestie und Drag sind als Kunstformen klar von Transgeschlechtlichkeit zu unterscheiden. Sie sind Bühnentechniken und unabhängig vom eigenen Geschlechtsbewusstsein – ebenso wie von der sexuellen Orientierung. Eine Person, die Drag macht, kann cis, trans oder nicht-binär sein und jede beliebige Orientierung haben. Drag zu machen sagt also nichts über die Geschlechtsidentität eines Menschen aus, und umgekehrt.
Drag als politisches Streitthema
In den letzten Jahren ist Drag zunehmend zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen geworden – vor allem Drag-Lesungen für Kinder (Drag Story Hour), bei denen Drag-Künstler*innen Kindern Bilderbücher vorlesen, häufig mit der Botschaft, so sein zu dürfen, wie man ist.
In Deutschland sorgte etwa 2023 eine solche Lesung in einer Münchner Stadtbibliothek für Aufsehen: Neben Protesten, die vor einer „Frühsexualisierung“ warnten, gab es eine deutlich größere Solidaritätsdemonstration; einzelne Künstler*innen erhielten sogar Drohungen. Befürworter*innen und Veranstalter*innen verweisen darauf, dass es sich um altersgerechte Vorlesestunden handelt, die Vielfalt und Toleranz vermitteln.

