Lexikon – Geschichte der Regenbogenflagge
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Die Geschichte der Regenbogenflagge
Seit ihrer Entstehung 1978 hat die Regenbogenflagge zahlreiche Veränderungen und Anpassungen erfahren. Inwieweit die Flagge verändert werden darf, kann, soll oder muss, ist bis heute einer der großen Diskussionspunkte innerhalb der queeren Communities. Ihre Geschichte ist damit auch eine Geschichte darüber, wer in der Community sichtbar ist – und wer sichtbarer werden möchte.
Der Ursprung: acht Farben (1978)
Die erste Pride-Regenbogenfahne wurde 1978 von Gilbert Baker für den Gay Freedom Day in San Francisco entworfen – ermutigt unter anderem von dem Aktivisten und Politiker Harvey Milk. Die ersten Flaggen wurden von Baker und Mitstreiter*innen von Hand gefärbt und genäht.
Ursprünglich bestand die Flagge aus acht Farben, denen Baker jeweils eine Bedeutung gab:
- Hot Pink – Sexualität
- Rot – Leben
- Orange – Heilung
- Gelb – Sonnenlicht
- Grün – Natur
- Türkis – Magie und Kunst
- Indigo – Harmonie
- Violett – Geist
Baker verstand die Flagge bewusst als offenes, positives Symbol: Sie sollte nicht einzelne Gruppen abbilden, sondern übergeordnete, alle Menschen betreffende Werte.
Die Reduktion auf sechs Farben (ab 1979)
Kurz nach ihrer Premiere stieg die Nachfrage stark an – auch, weil Harvey Milk im November 1978 ermordet wurde und die Community ein sichtbares Zeichen suchte. Bei der Massenproduktion ergaben sich praktische Probleme: Hot Pink fiel weg, weil der Stoff nicht zuverlässig lieferbar war. Später wurde Türkis gestrichen und Indigo durch Königsblau ersetzt – so ließen sich die verbleibenden sechs Streifen bei Paraden gleichmäßig auf beide Straßenseiten aufteilen. Diese sechsfarbige Version (Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Violett) ist bis heute die bekannteste Grundform.
Der schwarze Streifen zu Zeiten der AIDS-Epidemie
Während der AIDS-Epidemie entstand eine Variante, der ein einzelner schwarzer Streifen hinzugefügt wurde. Dieser sollte an diejenigen Mitglieder der Community erinnern, die den Kampf gegen AIDS verloren hatten.
„More Color More Pride“: die Philadelphia-Flagge (2017)
Im Jahr 2017 stellte das Philadelphia Office of LGBT Affairs – unter der Leitung der Aktivistin Amber Hikes – eine neue Flagge unter dem Motto „More Color More Pride“ vor. Sie setzte sich aus den sechs Regenbogenfarben sowie einem schwarzen und einem braunen Streifen zusammen. Die beiden zusätzlichen Streifen sollten Schwarze Menschen und People of Color in der Community sichtbar machen und Rassismus innerhalb der Community entgegenwirken.
Die Progress Pride Flag (2018)
Im Jahr 2018 stellte der Designer Daniel Quasar eine Flagge vor, die auf der Philadelphia-Version aufbaute: die Progress Pride Flag. Den sechs Regenbogenfarben fügte Quasar einen pfeilförmigen Keil (Chevron) an der linken Seite hinzu, der die Farben der Transgender-Flagge (weiß, rosa, hellblau) sowie einen braunen und einen schwarzen Streifen enthält. Die Trans-Farben verweisen dabei auf die 1999 von Monica Helms entworfene Transgender-Flagge; Braun und Schwarz haben dieselbe Bedeutung wie in Philadelphia, wobei Schwarz zusätzlich für die an AIDS Verstorbenen und für gesellschaftliche Stigmatisierung steht. Die Pfeilform soll ausdrücken, dass hier noch Fortschritt („progress“) nötig ist.
Um diese Version gab es viele Diskussionen. Ein Argument lautete, die ursprüngliche Regenbogenflagge habe gerade nicht einzelne Gruppen innerhalb der Community abgebildet, sondern übergeordnete, alle Menschen betreffende Aspekte wie „Heilung“ oder „Harmonie“ – deshalb sollten auch keine einzelnen Gruppen durch eine Erweiterung hervorgehoben werden. Dem stand das Anliegen gegenüber, marginalisierte Gruppen innerhalb der Community sichtbarer zu machen und Rassismus sowie Trans-Feindlichkeit aktiv entgegenzutreten.
Die Intersex-Inclusive Progress Pride Flag (2021)
2021 entwickelte Valentino Vecchietti von Intersex Equality Rights UK die Progress Pride Flag weiter, indem sie Elemente der Intersex-Flagge integrierte: einen gelben Hintergrund mit einem violetten Kreis, ergänzt im Pfeil der Progress-Flag. Die Intersex-Flagge selbst wurde 2013 von Morgan Carpenter (Intersex Human Rights Australia) gestaltet; Gelb steht bewusst für eine Alternative zu den binär besetzten Farben Blau und Rosa, der Kreis symbolisiert Ganzheit sowie das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und Unversehrtheit.
Diese Intersex-Inclusive Progress Pride Flag verbreitete sich rasch weltweit und gilt heute vielerorts als die aktuelle, umfassendste Version der Pride-Flagge – sie wird unter anderem in Museen wie dem Smithsonian gezeigt.
São Paulo Flag (2018)
Beim Festival „Love Fest“ in São Paulo wurde 2018 eine weitere Version präsentiert, entworfen vom Mitbegründer des Festivals, Estêvão Romane: Die acht Farben der ursprünglichen Regenbogenflagge wurden um einen neunten, weißen Streifen in der Mitte erweitert. Dieser soll für Diversität in Religion, Geschlecht, Herkunft und sexueller Orientierung sowie für Frieden und Gemeinschaft stehen.
Eine Flagge in Bewegung
Die Geschichte der Regenbogenflagge ist bis heute nicht abgeschlossen. Jede neue Version spiegelt eine Aushandlung darüber wider, wie viel Sichtbarkeit einzelne Gruppen innerhalb der Community brauchen und wie ein gemeinsames Symbol zugleich verbindend und inklusiv bleiben kann. Genau diese Weiterentwicklung – und die Diskussion darum – macht die Flagge zu einem lebendigen Symbol queerer Vielfalt.

