Lexikon – Heteronormativität
Projekt 100% MENSCH

Heteronormativität
Unsere Gesellschaft ist stark heteronormativ geprägt. Eine heteronormative Weltanschauung stellt Heterosexualität (gegengeschlechtliches Begehren) als soziale Norm und einzige „natürliche“ sexuelle Orientierung dar. Zugleich setzt sie voraus, dass es genau zwei Geschlechter gibt und dass diese „von Natur aus“ aufeinander bezogen sind. Innerhalb der Queer Theory wird der Begriff verwendet, um sichtbar zu machen, welche Privilegien aus diesem Konzept abgeleitet werden.
Herkunft des Begriffs
Der Begriff „Heteronormativität“ wurde 1991 von dem Queer-Theoretiker Michael Warner geprägt (in seinem Text „Introduction: Fear of a Queer Planet“). Ein wichtiger Vorläufer ist das Konzept der Zwangsheterosexualität (englisch compulsory heterosexuality), das die Dichterin und Theoretikerin Adrienne Rich bereits 1980 beschrieb. Beide machen deutlich: Heterosexualität ist keine zeitlose Selbstverständlichkeit, sondern eine gesellschaftlich hergestellte und privilegierte Norm.
Die Norm im Hintergrund: das Coming-out
Grundsätzlich gelten Menschen als heterosexuell, bis sie sich als nicht-heterosexuell outen. Dieses Coming-out ist in einer heteronormativen Gesellschaft überhaupt erst nötig, um die eigene sexuelle Orientierung sichtbar zu machen – cis-heterosexuelle Menschen müssen sich nie „outen“. Häufig ist ein Coming-out mit Angst vor sozialen Konsequenzen und der Sorge verbunden, der gesellschaftlichen Erwartungshaltung nicht zu entsprechen.
Festgeschriebene Geschlechterrollen
Heteronormativität bedeutet auch das Festschreiben traditioneller Geschlechterrollen, die – ebenso wie das gegengeschlechtliche Begehren – als „natürlich“ dargestellt werden. Es gibt also klare Vorstellungen davon, wie sich Frauen und Männer zu verhalten hätten: Von Frauen wird etwa erwartet, fürsorglich zu sein oder Kleid und Make-up zu tragen, von Männern, keine Gefühle zu zeigen oder dominant aufzutreten. Verhalten, das diesen Vorstellungen widerspricht, wird abgewertet.
Wie Heteronormativität im Alltag wirkt
Heteronormativität zeigt sich in vielen, oft unbemerkten Situationen, zum Beispiel:
- Formulare und Anreden, die von „Ehemann/Ehefrau“ ausgehen.
- die Frage an eine Frau „Hast du einen Freund?“ (statt offen „eine Partnerin oder einen Partner?“).
- Werbung, Filme und Märchen, in denen fast ausschließlich heterosexuelle Paare vorkommen.
- das selbstverständliche Familienbild aus Mutter, Vater und Kind.
Für heterosexuelle, cisgeschlechtliche Menschen bleiben diese Strukturen meist unsichtbar, weil sie zu ihnen passen.
Heteronormativität, Heterosexismus und Queerfeindlichkeit
Wie bei der Cisnormativität lassen sich verschiedene Ebenen unterscheiden: Heteronormativität ist die zugrunde liegende Norm. Daraus folgt der Heterosexismus – die strukturelle Bevorzugung heterosexueller Menschen und Benachteiligung queerer Menschen. Und auf der individuellen wie strukturellen Ebene äußert sich das als Homo- und Queerfeindlichkeit: konkrete Ablehnung, Diskriminierung und Gewalt. Eine gravierende Folge der Heteronormativität ist damit LGBTIQA*-Feindlichkeit: Queere Menschen werden marginalisiert, weil ihre Orientierung und die vermeintliche Überschreitung „natürlicher“ Geschlechterrollen als Abweichung gelten.
Eng verwandt ist die Cisnormativität, die Cisgeschlechtlichkeit und Zweigeschlechtlichkeit als Norm setzt. Beide treten häufig gemeinsam auf und werden dann als Cis-Heteronormativität zusammengefasst.
Heteronormativität schadet allen
Heteronormativität schadet nicht nur queeren Menschen – sie schränkt alle ein. Sie schreibt vor, wie Menschen sich zu verhalten haben, und lässt wenig Spielraum, die eigene Persönlichkeit zu finden und frei auszuleben. Auch heterosexuelle, cisgeschlechtliche Menschen leiden unter engen Rollenbildern – etwa, wenn Männern abgesprochen wird, Gefühle zu zeigen, oder Frauen in fürsorgliche Rollen gedrängt werden.
Was Heteronormativität entgegenwirkt
Heteronormative Strukturen lassen sich verändern. Dazu gehört etwa, nicht automatisch von Heterosexualität auszugehen, geschlechtsoffen zu formulieren, vielfältige Lebens- und Familienformen sichtbar zu machen und vermeintlich „natürliche“ Geschlechterrollen zu hinterfragen.

