Lexikon – Intersektionalität
Projekt 100% MENSCH

Intersektionalität
Intersektionalität (vom englischen Wort „intersection“) steht für „Überschneidung“ oder „Schnittmenge“. Der Begriff beschreibt die Wechselwirkung verschiedener Diskriminierungsformen: Er betrachtet genauer, wie verschiedene Machtsysteme und -strukturen ineinandergreifen und marginalisierte Gruppen beeinträchtigen. Wirken mehrere Diskriminierungsformen gleichzeitig auf eine Person ein und „überschneiden“ sich, spricht man von intersektioneller Diskriminierung.
Herkunft des Begriffs
Den Begriff „Intersectionality“ prägte 1989 die Schwarze US-amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw. Sie veranschaulichte die Situation Schwarzer Frauen mit dem Bild einer Straßenkreuzung, an der mehrere „Verkehrsrichtungen“ (Diskriminierungen) zusammentreffen. Anlass war unter anderem ein Gerichtsfall (DeGraffenreid v. General Motors), in dem Schwarze Frauen sich vor Gericht entscheiden sollten, ob sie gegen Rassismus oder Sexismus klagten – und so durch das Raster des Antidiskriminierungsrechts fielen.
Die Wurzeln des Konzepts liegen im Black Feminism. Ein wichtiger Bezugspunkt ist das Combahee River Collective, ein Zusammenschluss Schwarzer, lesbischer Feministinnen, das bereits 1977 von „interlocking systems of oppression“ (ineinandergreifenden Systemen der Unterdrückung) sprach. Auch die Schwarze lesbische Dichterin Audre Lorde gehört zu dieser Tradition. Intersektionalität hat also von Anfang an eine queere Geschichte.
Mehr als eine Addition
Wenn mehrere Diskriminierungsformen zusammenwirken, ergibt das nicht einfach eine Summe, sondern eine eigenständige Erfahrung. Ein Beispiel: Eine Schwarze Frau macht Rassismus- und Sexismuserfahrungen. Diese unterscheiden sich sowohl von den Erfahrungen Schwarzer Männer als auch von denen weißer Frauen – sie ist mehr als „Rassismus plus Sexismus“.
Davon zu unterscheiden ist der allgemeinere Begriff der Mehrfachdiskriminierung: Damit sind verschiedene Diskriminierungen gemeint, die auf eine Person einwirken – ob gleichzeitig oder nicht. Intersektionelle Diskriminierung ist eine besondere Form davon, bei der die Formen untrennbar ineinandergreifen.
Intersektionalität zeigt auch Privilegien
Intersektionalität macht nicht nur Benachteiligungen sichtbar, sondern auch Privilegien. Menschen haben komplexe soziale Identitäten und gehören mehreren Gruppen zugleich an. Deshalb kann eine Person auf einer Ebene benachteiligt und auf einer anderen privilegiert sein – etwa ein weißer schwuler Mann, der Homofeindlichkeit erfährt, zugleich aber von weißen und männlichen Privilegien profitiert. Der Blick richtet sich dabei auf die Systeme (Rassismus, Sexismus, Cis-Heteronormativität …), nicht auf einzelne „Schuldige“.
Verschiedene Diskriminierungsformen
Diskriminierungsformen, die sich überschneiden können, sind zum Beispiel Rassismus, Sexismus, LSBTIQA*-Feindlichkeit, Ableismus (Abwertung von Menschen aufgrund zugeschriebener fehlender Fähigkeiten), Klassismus (Abwertung aufgrund der sozialen Herkunft), Antisemitismus, antimuslimischer Rassismus oder Altersdiskriminierung. So sind etwa Menschen, die queer und zugleich körperlich oder geistig beeinträchtigt sind, neben LSBTIQA*-Feindlichkeit auch mit Ableismus konfrontiert.
Warum das für queere Räume wichtig ist
Gerade Räume für marginalisierte Gruppen müssen Intersektionalität berücksichtigen. Denn Mehrfachmarginalisierung findet auch innerhalb der queeren Community statt – etwa gegenüber Schwarzen und anderen queeren People of Color, gegenüber trans oder behinderten queeren Menschen. Nur wenn diese Überschneidungen mitgedacht werden, können echte Safe Spaces für alle entstehen. Audre Lorde brachte diesen Gedanken auf den Punkt: Weil Menschen keine „single-issue lives“ führen, kann es auch keine Kämpfe geben, die nur ein einziges Thema betreffen.

