Lexikon – Toxische Männlichkeit
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Toxische Männlichkeit / toxic masculinity
„Toxische (giftige) Männlichkeit“ bezeichnet ein schädliches Verhalten bzw. Selbstbild, das auf einem traditionellen, stereotypen und patriarchalen Männerbild basiert. Die Bezeichnung meint ausdrücklich nicht, dass Männer oder Männlichkeit an sich toxisch seien. Kritisiert werden vielmehr bestimmte Normen und Erwartungen an „echte“ Männlichkeit, die für alle – auch für Männer selbst – schädlich sind.
Der Begriff stammt ursprünglich aus der mythopoetischen Männerbewegung der 1980er-Jahre (geprägt um 1986 vom Psychologen Shepherd Bliss) und wurde erst später in Wissenschaft und Medien gebräuchlich. Fachlich steht dahinter das soziologische Konzept der hegemonialen Männlichkeit (R. W. Connell): das gesellschaftlich dominante, idealisierte Männlichkeitsbild, dem sich Männer unterordnen sollen. „Toxische Männlichkeit“ meint die besonders schädlichen Anteile dieses Ideals.
Typische Verhaltensweisen
Zu den übersteigerten, für die ganze Gesellschaft schädlichen Verhaltensweisen und Einstellungen gehören zum Beispiel:
- Gefühle (außer Wut und Aggression) werden unterdrückt bzw. nicht gezeigt,
- Gewalt als Mittel der Problemlösung / „Recht des Stärkeren“,
- aggressives und dominantes Auftreten (etwa auch in Gesprächen),
- ein vermeintliches „Recht“ auf sexuelle Aggression, Übergriffigkeit und Grenzüberschreitungen,
- übersteigertes Konkurrenzdenken,
- der Selbstanspruch, alles unter Kontrolle haben zu müssen,
- der Selbstanspruch, alles allein schaffen zu müssen,
- die Abwehr von vermeintlich „weiblichen“ Eigenschaften als „Schwäche“.
Folgen für andere und der Bezug zu Queerness
Toxische Männlichkeit führt zur Diskriminierung anderer Geschlechter, etwa in Form von Misogynie (Frauenfeindlichkeit) sowie Homo- und Transfeindlichkeit. Weil sie alles vermeintlich „Weibliche“ oder Queere an Männern abwertet, ist sie ein direkter Treiber queerfeindlicher Gewalt und trifft queere Männer besonders – etwa über die Abwertung von als „unmännlich“ gelesenem Verhalten.
Weitergabe über Generationen
Viele dieser Vorstellungen sind noch immer in der Erziehung verankert – in Sätzen wie „Jungen weinen nicht“ oder „Gewalterfahrungen gehören zum Mann-Werden dazu“. So werden das toxische Männlichkeitsbild und die Gewalterfahrungen der Väter an ihre Söhne weitergegeben. Diese Weitergabe läuft vor allem über erlernte Muster und Erziehung (teils auch als „Traumaweitergabe“ bezeichnet).
Folgen für Männer selbst
Toxische Männlichkeit geht mit der Angst einher, Privilegien zu verlieren oder nicht als „richtiger Mann“ angesehen zu werden. Sie schränkt die eigene Individualität ein, kann aber auch ein Gefühl von Sicherheit geben. Zugleich hat sie deutlich negative Auswirkungen auf Männer selbst: etwa das Vermeiden von Arztbesuchen oder das Verschweigen psychischer Belastungen wie Depressionen. Das trägt mit dazu bei, dass Männer im Schnitt früher sterben und höhere Suizidraten aufweisen.
Ein anderer Weg: gesunde Männlichkeit
Die Kritik an toxischer Männlichkeit richtet sich nicht gegen Männer, sondern gegen enge, schädliche Rollenbilder – und weist auf Alternativen hin. Eine gesunde (oder positive) Männlichkeit lässt Raum dafür, Gefühle zu zeigen, um Hilfe zu bitten, fürsorglich zu sein, Grenzen und Konsens zu achten und Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Davon profitieren alle – Männer eingeschlossen.
Hinweis: Der Begriff „toxische Männlichkeit“ selbst wird auch diskutiert; manche kritisieren, er könne missverstanden werden, als seien Männer „von Natur aus“ schädlich. Genau deshalb ist die Unterscheidung wichtig: Gemeint sind schädliche Normen, nicht Männer als Personen.

