Lexikon – Allosexuell / Allosexualität
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Allosexualität
Allosexuell beschreibt Personen, die sich sexuell zu anderen Menschen hingezogen fühlen. Somit handelt es sich um das Gegenteil bzw. Gegenstück von „asexuell„. Der Begriff ermöglicht es, diskriminierungsfrei über asexuelle und allosexuelle Menschen zu sprechen. Die Vorsilbe „allo-“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „andere“ – gemeint ist also die sexuelle Anziehung zu anderen Menschen.
Was der Begriff aussagt – und was nicht
Allosexuell beschreibt lediglich, dass eine Person sexuelle Anziehung empfindet, nicht, auf wen sich diese richtet. Über die sexuelle Orientierung sagt der Begriff also nichts aus: Eine allosexuelle Person kann heterosexuell, homosexuell, bisexuell, pansexuell oder anders orientiert sein. „Allosexuell“ und „asexuell“ beziehen sich auf das ob der Anziehung, Begriffe wie hetero- oder homosexuell auf ihre Richtung.
Eine Fremdzuweisung – und warum sie trotzdem wichtig ist
Allosexuell kann auch als eine Fremdzuweisung verstanden werden, denn der Begriff wurde innerhalb der asexuellen Community entwickelt und ist somit keine selbstgewählte Bezeichnung von allosexuellen Menschen. Die meisten allosexuellen Menschen erfahren wegen ihrer Allosexualität auch keine Diskriminierung – der Begriff dient vor allem als sachliches Gegenstück innerhalb des asexuellen und aromantischen Diskurses.
Dennoch ist er wichtig, um wertfrei begrifflich abgrenzen zu können, ohne asexuell als Abweichung von einer Norm darzustellen.
Ein Spektrum, keine strikten Gegenpole
Allosexuell und asexuell sind keine starren Gegensätze, sondern lassen sich als Enden eines Spektrums verstehen. Dazwischen liegen Erfahrungen wie demisexuell (sexuelle Anziehung erst nach einer engen emotionalen Bindung) oder grau-asexuell (sexuelle Anziehung nur selten oder schwach ausgeprägt). Wichtig ist dabei: Nicht alle Menschen verorten sich auf dieser Achse „dazwischen“ – manche grau-asexuellen Personen verstehen sich bewusst außerhalb eines solchen Spektrums.
Sexuelle und romantische Anziehung getrennt gedacht
„Allosexuell“ bezieht sich ausschließlich auf sexuelle Anziehung. Das Gegenstück für romantische Anziehung ist alloromantisch (im Gegensatz zu aromantisch). Diese Unterscheidung geht auf das Split-Attraction-Modell zurück, das davon ausgeht, dass sexuelle und romantische Anziehung unabhängig voneinander auftreten können.
So kann eine Person zum Beispiel allosexuell und zugleich aromantisch sein (sexuelle, aber kaum romantische Anziehung) – oder asexuell und alloromantisch (romantische, aber kaum sexuelle Anziehung). Das Modell macht sichtbar, dass sich Menschen nicht mit einem einzigen Etikett für alle Formen von Anziehung beschreiben lassen müssen.
Allonormativität
Allonormativität bezeichnet eine gesellschaftliche Norm, die voraussetzt, dass jeder Mensch sexuelles Begehren empfinden müsse. Große Teile der Werbung („sex sells“), Filme, Bücher und erwartete Verhaltensweisen sind nach dieser Norm des „sexuellen Begehrens als Triebfeder des Handelns“ ausgelegt. In der Wissenschaft wird dieses Phänomen auch als Zwangssexualität (englisch „compulsory sexuality“) beschrieben – ein Begriff, der an Adrienne Richs Konzept der „compulsory heterosexuality“ (Zwangsheterosexualität) anknüpft.
Der Begriff „allosexuell“ hilft, diese Norm überhaupt benennbar zu machen: Erst wenn das Empfinden sexueller Anziehung als eine Möglichkeit unter mehreren sichtbar wird, lässt sich hinterfragen, warum es so oft als selbstverständlich und allgemeingültig vorausgesetzt wird.

