Lexikon – Reclaiming
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Reclaiming
Reclaiming (englisch für „zurückfordern“) beschreibt den Prozess, Begriffe, die als Beleidigung genutzt werden, innerhalb der jeweiligen Community einer marginalisierten Gruppe und nach außen zur Selbstbeschreibung zu nutzen. Hierdurch „entwaffnet“ man diese Begriffe. Die Übernahme als Selbstbezeichnung dient der Provokation, der Konfrontation, dem Empowerment und der Sichtbarmachung von Diskriminierung und Marginalisierung.
Sprach- und sozialwissenschaftlich spricht man auch von „reappropriation“ oder „Resignifikation“. Im Kern geht es darum, sich ein Wort zurückzuholen, das gegen die eigene Gruppe gerichtet wurde – und damit auch um die Frage, wem Sprache und Deutungsmacht eigentlich „gehören“.
Wie es wirkt
Die Wirkung entsteht dadurch, dass die betroffene Gruppe das Wort selbstbewusst und stolz für sich verwendet. Dadurch verliert die Beleidigung ihre Macht: Was verletzen sollte, wird zum Ausdruck von Zugehörigkeit, Stolz und Widerstand. Die Bedeutung verschiebt sich also von Scham hin zu Selbstbehauptung.
Beispiele
Bekannte Beispiele für Reclaiming sind queer oder Dyke, die früher hauptsächlich als Beleidigung genutzt wurden, heute jedoch relativ neutrale oder positive (Selbst-)Bezeichnungen sind. Innerhalb der Community werden auch Begriffe wie „Tunte“ oder „Kampflesbe“ von manchen bewusst selbstbestimmt verwendet.
Reclaiming ist kein rein queeres Phänomen: Auch in anderen marginalisierten Gruppen werden Begriffe zurückerobert – etwa „crip“ in Teilen der Behindertenbewegung oder, historisch, „Suffragette“, das ursprünglich spöttisch gemeint war.
Wer darf einen reclaimten Begriff nutzen?
Achtung: Es ist ein Unterschied, ob Betroffene einen reclaimten Begriff zur Selbstbeschreibung nutzen oder ob er von Außenstehenden verwendet wird. Letzteres kann trotz erfolgtem Reclaiming eine Beleidigung darstellen. Ein zurückeroberter Begriff „gehört“ der betroffenen Gruppe; auch der Kontext – wer spricht, in welchem Ton und in welcher Situation – ist entscheidend. Im Zweifel gilt: einen reclaimten Begriff nicht für Gruppen verwenden, denen man selbst nicht angehört.

